Nachtlande

Lesen, Wandern, Palavern

Wilde Leute

Sagenhafte Felsformationen gibt es ja im Odenwald en masse. Jetzt haben wir mit dem Wildleuthäusl (mal wieder) eine besucht, die in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes ist. Obwohl nicht weit vom beliebten Aussichtsturm auf der Tromm gelegen, ist sie nicht so leicht zu finden und auf vielen Karten nicht ganz korrekt angegeben (ganz unten findet ihr die Koordinaten). Und dann gehören diese Steine zu jenen, die der Sage nach von wilden Leuten bewohnt wurden oder werden.


Es ist ein durchaus beeindruckendes Felsensemble, das man dort vorfindet, in Quaderform verwitterte Steine sowie Spalten und Mini-Höhlen laden dazu ein, hier rastende wilde Gestalten zu imaginieren. Tatsächlich fanden wir auch Reste eines Lagerfeuers (wobei ich hoffe, das ist schon länger her, der Wald brennt aktuell hier wie Zunder nach langer Dürre). Ein Mountainbiketrail führte hindurch. Der beste Ehemann von allen und ich sind da mit Vergnügen herumgeklettert (festes Schuhwerk zu empfehlen). Es gibt eine Infotafel zum Trommgranit am Wildleuthäusl, die allerdings von den Felsen ein ganzes Stück entfernt steht.
Eine konkrete Sage zum Wildleuthäusl auf der Tromm kenne ich nicht, habe nur im Hinterkopf, dass dort auch die Hölzerlipsbande gerastet haben soll. Ansonsten gleichen sich die Sagen an solchen Orten.

Mein wilder Mann

Was sind denn wilde Leute der Sage nach?
Sie gehören zu den Erdgeistern, ähnlich wie Elfen oder Zwerge. Als wilde Leute oder wilde Frauen sind sie vom Alpenraum bis Skandinavien verbreitet. Die Erscheinung der wilden Leute variiert je nach Region; im Odenwald sind sie als Männer klein und behaart, die Frauen meist schön. Manchmal treten die Männer als Riesen auf. Sie sind eher umgänglich (wenn sie nicht gerade Kinder stehlen), geben Ratschläge für die Aussaat und helfen bei der Feld- und Hausarbeit. Man darf sie aber nicht beleidigen oder ärgern, weil sie sich dann rächen. Dafür mögen sie es, wenn man ihnen Speisen und Trank anbietet – aber bitte keine Kleider (sie sind oft eher kärglich bekleidet, wenn überhaupt), das beleidigt sie. Ebenfalls konnte man die freundlichen Hilfsgeister damit vertreiben, dass man ihnen hinterherspionierte. Geschah dies, so kamen sie nicht wieder.

Eine gern verbreitete Theorie über die realen Hintergründe der wilden Leute ist, dass es sich um Heiden handelte, die vor der Christianisierung flohen und lieber im Wald hausten, als sich der neuen Religion zu unterwerfen. Ich vermute, diese Geschichten sind irgendwann zwischen Romantik und Nationalsozialismus entstanden, ist doch der Odenwald im Bereich des ehemaligen Klosters Lorsch schon früh christianisiert worden.

Fakt ist aber auch, dass sich Außenseiter, Obdachlose, Kriminelle und Deserteure bis ins 20. Jahrhundert zeitweise oder auch dauerhaft in den Wäldern des Odenwaldes in Höhlen oder primitiven Behausungen versteckten. Ein bekannteres Beispiel (nach dem ein Bier benannt wurde) ist der „Dachsenfranz“, der vor allem im Kraichgau unterwegs war.
https://de.wikipedia.org/wiki/Dachsenfranz

Es lassen sich ansonsten Parallelen zwischen den wilden Leuten und dem Grünen Mann ziehen; diese Gestalt mit Blättern und Ranken im Gesicht symbolisiert die Macht der Natur.
https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_Mann

Der „Wilde Mann“ hat als Name von Gaststätten und als geschnitzter Schmuck bei Häuserbalken oder auch als Fachwerkmuster überlebt.

Weitere Behausungen der wilden Leute:

Wildeleute-Stein bei Ober-Flockenbach
Wildweibchenstein bei der Ruine Rodenstein
Das Wildfrauenhaus bei Fischbachtal-Lützelbach
Das Steinschloss bei Scheuerberg

Das Wildleuthäusl auf der Tromm
Koordinaten: 49°36’30.0″N 8°48’23.9″E
Plus Code JR54+8MJ Rimbach

Tourist in Heidelberg

Gestern durch Heidelberg spaziert. Fünfeinhalb Jahre bin ich dort als Studentin Tag für Tag durch die Fußgängerzone gelaufen, zum Politischen Institut am Marstall, zu den Soziologen irgendwo an der Triplex-Mensa, zum Vorlesungsgebäude mit der Überschrift „dem lebendigen Geist“ am Uniplatz, zum psychologischen Institut vorne in der Fußgängerzone, wo Bunsen davor wacht.

Bunsen vor dem psychologischen Institut

Ein schöner Tag war es. Geparkt hatten wir im Neuenheimer Feld, wo die Parkhäuser nicht ganz so teuer sind. Hier waren wir ewig nicht mehr, der beste Ehemann von allen hatte dort mal studiert, aber alles sah anders aus, große Gebäude, Tiefgaragen, Supermärkte, öffentliche Kunst. Wir standen vor dem großen „Mathematikon“ und fragten uns, was da wohl abseits von der mathematischen Fachschaft drin sein mag, denn so viel Platz brauchen die doch nicht, oder?

Auch sonst wurde und wird viel gebaut in Heidelberg, überall Häuser, die abgerissen, neue, die erbaut werden, gesperrte Straßen.

Im Neuenheimer Feld am Mathematikon

Wir sind mit Straßenbahn und Bus zum Königstuhl hochgefahren und dann durch die Wälder hinunter zur Stadt gelaufen. Im Bus spielten zwei junge Mädchen irgendein Ratespiel um Filmpersonen, das ich nicht ganz verstand; später fragten sie um Hilfe, weil sie auch in die Stadt zurücklaufen wollten und nicht recht wussten, wo es langging.

Auch oben am Königstuhl waren viele Menschen, aber kaum hatte uns der Wald verschluckt, waren wir allein.

Das änderte sich kurz vor dem Schloss, wo sich die Massen durch das Burgtor schoben. Auch in der Fußgängerzone so viele Menschen. Immerhin sahen die Läden noch gut aus, zwar nicht mehr so viel alternatives Zeug in Hinterhöfen wie früher, aber auch nicht lauter Ein-Euro-Shops. In der unteren Gasse ein Headshop. Da gab es vor 30 Jahren auch schon einen, wo Studenten und kichernde Odenwälder Halbstarke lange Papierchen kaufen konnten.

Das Heidelberger Schloss

Ich muss gestehen, auch zu Studienzeiten war ich kein eingefleischter Heidelbergfan. Ja, die schöne historische Altstadt, die Landschaft, aber alles wirkte für mich damals künstlich.

Wenn ich an mich im Studium denke, sehe ich mich immer im Herbst oder Winter, wenn der Wind kalt durch die lange Fußgängerzone pfiff und nur wenige Touristen die Stadt erkundeten, wenn alles grau war und trostlos und ich Bauchweh hatte, weil das Mensaessen so schlecht geschmeckt hatte oder ich mich vor dem nächsten Seminar fürchtete. Wobei, ich habe zumindest einige Dinge ganz gern studiert, ging angetan in Veranstaltungen des in Politologenkreisen damals sehr verehrten Professors Klaus von Beyme, bei dem ich zum Glück damals meine Magisterarbeit schrieb. Wir nannten ihn ob seines großen Wissens und des ausladenden Schädels „der Mann mit den zwei Gehirnen“. Manchmal fuhr er mit einer russischen Fellmütze auf dem großen Kopf mit dem Rad zum Institut. Auch bei den Psychologen war ich gerne. Aber es war trotzdem nicht meine beste Zeit im Leben, vielleicht lag es an der schimmligen Einzimmerwohnung in Leutershausen, in der wir damals hausten.

Hier saß ich oft in Vorlesungen

Aber wenn ich mich heute in Heidelberg umsehe, werde ich weder nostalgisch, noch spüre ich das alte Bauchweh. Ich bin Touristin unter zehntausenden Touristen, die alle Sprachen zu sprechen scheinen. Leute rempeln mich an, ich komme mir etwas urig vor mit kurzen Wandershorts und Wanderstiefeln und aufgehauenem Knie, als würde mir auch noch Stroh im Haar hängen. Und ich erkenne, ich bin doch endgültig ein richtiges Landei geworden.

Heidelberg von oben

Pfälzer Sandstein

Typischer Südpfälzer Ausblick: Wald und Sandstein

Wir waren in der südlichen Pfalz, eine Woche mit viel Wandern und viel Weißweinschorle, so nah an der französischen Grenze, dass wir von unserer FeWo dorthin in einem kurzen Spaziergang hinwandern konnten. An manchen Orten wie auf dem Maimont gab es Spuren des Zweiten Weltkriegs, aus den Grenzsteinen hatte man damals das französische F herausgeklöppelt. Aber heute spielt diese „Erbfeindschaft“ zum Glück keine Rolle mehr, man merkt kaum, wenn man die Grenze überfährt. Wie kann das irgendwer wollen, denke ich, hier die Zeit zurückdrehen, Grenzposten, Schranken, Zoll!

Unsere FeWo in einem kleinen Dorf war sehr schön und wurde als LGBTQ-freundlich beworben, was in den verschlafenen Pfalzorten ungewohnt urban wirkte. Ich nehme an, dass sie das Etikett bekommen hat, weil zwei freundliche Frauen das Vermieterpaar waren.

Bis auf kleine Fachwerkorte und das verschlafene Städtchen Dahn gibt es dort genau drei Motive für die Kamera: hohe, steile und nur mit viel Schweißeinsatz zu erklimmende Hügel, dicht bewaldet, darin mehr oder weniger versteckt viele interessante Sandsteintürme, die teilweise Statik und Schwerkraft verhöhnen, und viele kleine und größere Burgen, die den Türmen ähneln oder auf ihnen thronen, in sie hineingehauen, oben auf die Türme hinaufgebaut oder an sie angelehnt worden waren.

Ich habe die Geschichte dieses deutsch-französischen Grenzgebiets noch nicht ganz verstanden, auf den (relativ wenigen) Infotafeln war die Rede von diesem Herrscher und jenem, aber wieso so viele Adelige in die heute so menschenleeren Wälder ihre Burgen bauten, erschließt sich mir nicht ganz.

Trotz Gästebeitrag und vielen schönen, steilen ausgeschilderten Wanderwegen fand ich die Gegend, die nahtlos in die nordfranzösischen Vogesen übergeht, touristisch und auch sonst überraschend wenig erschlossen. Zu einem Supermarkt fährt man ein Stück, Tankstelle dito, viele Geschäfte und Restaurants sind endgültig oder aber (ausgerechnet) jetzt zur Ferienzeit wegen Urlaub geschlossen; wenn es irgendwo Veranstaltungen oder Museen gab, habe ich das online nicht gefunden. In Frankreich schien mehr los zu sein, vor allem rund um die Ruine Fleckenstein.

Das Biosphärenhaus, das ich anschauen wollte, ein Lost Place, ein Doppel-Lost-Place war die Area 1, ein ehemaliges Militärlager, wo wohl auch mal Atomwaffen lagerten. Doppel-Lost-Place, weil das mal vor 15 Jahren eine Art Outdoor-Museum werden sollte, von dem inzwischen auch schon verwitterte oder umgefallene Infoschilder zeugten. Dafür gab es viel Graffiti, irgendwo muss es also auch Dorfjugend geben.

Und so passte es auch zur Waldeinsamkeit, dass ein Unwetter an einem Abend über uns hinwegfegte, die vertrockneten Wiesen wurden weiß unter Hagel, wie wir aus der sicheren Ferienwohnung heraus beobachteten. Der Strom fiel aus und blieb bis tief in die Nacht weg, wir saßen bei Kerzenschein und hörten ein paar Folgen der drei ???, die der Mann noch von meiner letzten Krankheit auf dem Handy gespeichert hatte, damit ich im Fieberwahn etwas anzuhören hatte.

Neben Wandern und Dinge aus Sandstein anschauen habe ich auch recht viel gelesen, unter anderem die Autorin Olga Tokarczuk entdeckt.

Besondere Pfälzer Spezialitäten sind mir nicht untergekommen, von den wirklich immer leckeren Pfälzer Weißweinen mal abgesehen. Aber mit veganen Restaurants oder auch nur Optionen habe ich auch nicht gerechnet.

Für eine Woche Wanderurlaub war es eine schöne Gegend. Das nächste Mal fahre ich aber lieber im Herbst hin, dann ist das Wandern leichter und man kann „Keschde“ sammeln 🙂

Die Welt um 4:44

Es ist immer noch heiß, heißer, am heißesten. Heute soll der schlimmste Tag werden mit gefühlten 43 Grad – wohlgemerkt, im Ländlichen, auf einem Hügel, mit Wald drumherum. Nun ja, ich wohne ja ganz in der Nähe jener Region, wo Deutschland anfängt Sahara zu werden oder so ähnlich.

Ich plane meine Tage um das Bedürfnis herum, irgendwie wenigstens für 30 oder 40 Minuten durch den Wald zu laufen. Die meisten Tage schaffe ich es in den Morgenstunden. Wenn es kühler wird, werde ich viel nachzuholen haben. Heute war ich um 8:30 draußen, außer mir vor allem Menschen mit Hunden, die ermattet bei schon 30 Grad durch den Wald torkelten. Ich quatsche ja öfter fremde Leute einfach an, und im Kurzgeplauder mit einer Frau mit Hund verabschiedete die sich mit den Worten, die nächsten zwei Tage müsse man „einfach nur überleben“.

Heute Nacht war ich um vier erwacht und habe die Katze eingesperrt, die nicht nach draußen soll (wir hatten hier eine schlimme Reihe von Katzen-Verschwinderitis vor Jahren, die ich nie aufklären konnte und die ich nicht noch mal erleben will).

Dann alle Fenster und Türen weit aufgerissen Richtung Garten. Und dann lag ich wach auf dem Bett, es war immer noch sehr warm. Draußen hörte ich die ganze Zeit Tiergeschrei und Rascheln im Gebüsch; es könnten junge Wildschweine gewesen sein oder auch ein Rehkitz, das nach der Mutter ruft. Beide Tierarten treiben sich in und um unseren Garten herum.

Gegen fünf schloss ich Türen und Fenster. Davor stand ich müde blinzelnd auf dem Balkon. Es wurde schon langsam hell, und ich sah viele Fledermäuse über den Himmel flitzen. Der Vogelgesang setzte ein, Krähenrufe, weiter das ominöse Tiergeschrei. Und auf einem Hügel stand ein Reh, die schlanke Silhouette zeichnete sich dunkel gegen den heller werdenden Himmel ab. Bis auf das Tiergeschrei war das alles sehr schön. Fotos habe ich keine, das müsst ihr euch also im Kopf zurechtmalen.

Aber allgemein kann ich die Methode „vier Stunden schlafen – eine Stunde wach sein – wieder zwei Stunden schlafen“ nicht empfehlen, wenn man am nächsten Tag fit im Kopf sein will.

Sonne und Nachbilder

Es ist zu heiß. 35, 37 Grad, und es soll noch heißer werden. Heute Nacht gab es Gewitter, und so ist es nicht nur heiß, sondern auch schwül. Zum Glück bin ich gegen 6 Uhr das erste Mal erwacht und habe möglichst viele Fenster aufreißen können, bevor es wieder wärmer wurde.

Tagsüber heißt es jetzt verdunkeln…

Viel ist mit mir nicht anzufangen gerade, auch wärmebedingt. Bin außerdem noch gestresst, bedrückt und etwas kränkelig.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass ich mich bis Montag „krankgeschrieben“ habe. Nächste Woche kommen zwar etliche Termine bei 40 Grad im Schatten (stöhn!), aber immerhin muss ich nicht morgen in der Sonne herumhüpfen und bei 37 Grad im Schatten einen Umzug fotografieren.

Ich gestehe, seit den Wechseljahren finde ich große Hitze noch schlimmer als vorher.

Was mache ich also mit der Hitze und der erzwungenen Untätigkeit?

Ich ernähre mich ziemlich viel von veganem Eiweißshake mit Tiefkühlobst.



Ich lese einiges, unter anderem habe ich im öffentlichen Bücherregal das Buch „Der Trafikant“ von Robert Seethaler entdeckt und schnell weggeschmökert. Es geht um einen jungen Mann, der einen „Trafikanten“, also Kioskbesitzer, unterstützt, viel liest, immer mehr versteht, sich verliebt, an der Liebe leidet und Sigmund Freud kennenlernt. Und es geht darum, wie er angesichts des großen Unheils, das mit Hakenkreuzflaggen heranweht, sein kleines, mutiges Aufbegehren probt.


Sehr berührend, auch lustig, tolle Sprache, und mit dem zeitlichen Setting – Wien 1938 beim „Anschluss“ von Österreich – leider mal wieder aktueller als es sein sollte. Sicher hat nicht nur mich die Aktion in Gelsenkirchen, als man Sinti und Roma zum Straßenputzen „motivierte“, an das hier erinnert.

Direkt nach dem „Anschluss“ wurden die Wiener Juden unter Beteiligung der Bevölkerung gezwungen, in „Reibpartien“ pro-österreichische Slogans von den Gehsteigen zu putzen.
Bild: United States Holocaust Memorial Museum, Public domain, via Wikimedia Commons


In letzter Zeit auch einiges dazu gelesen, was wohl passiert, wenn diese Partei, deren Namen man nicht ausspricht, in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit bekommt. Gerade in der Bildungspolitik hat ein Bundesland viel Spielraum, da kann einiges kaputt gemacht werden. Inklusion, Diversität und Aufklärung, ob nun über den NS oder Sex – ade.

„Was haben die eigentlich generell gegen Sexualaufklärung“, meinte ich zum besten Ehemann von allen vor ein paar Tagen. „Die sind ja gar nicht so christlich-reaktionär wie manche in den USA.“ Und uns fiel ein, dass das Pädokriminellen nützt, wenn Kinder keine Ahnung haben, was mit ihnen geschieht. Gruselig.

Ansonsten: Ich schaue mir Dinge darüber an, dass Migränegehirne auch abseits der Anfälle anders funktionieren als andere. Ich habe seit Anfang 30 immer mal wieder Migräneaura mit Flimmerskotom, aber keine ausgeprägten Kopfschmerzen, eher ein unbestimmtes Matschgefühl im Kopf, als sei ich verkatert. Inzwischen sind sie stark zurückgegangen, was sicher auch mit den Wechseljahren zu tun hat.

So ähnlich, nur in Bewegung und flimmernd, sieht meine Aura aus., In der Mitte ist ein blinder Fleck, außenrum wabert es.

Jetzt bin ich auf diesen Test hier mit der Glühbirne gestoßen und kann sagen, ja, bei mir bleibt das Nachbild lang, lang, lang, 10 Sekunden, 15 Sekunden…. Und zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Ungeduld und immer wieder auftretende Reizbarkeit angesichts der nervenaufreibenden Gemütlichkeit der Mitwelt auch damit zu tun hat, dass mein Gehirn ist, wie es ist, und ich mein Gefühl, andere sind immer einen Schritt zu langsam und träge, nicht nur Erbteil meiner ungeduldigen Mutter ist (die m.W. keine Migräne hatte). Ich muss manchmal fast ins Lenkrad beißen, um nicht an Ampeln zu hupen, weil die vor mir einfach nicht losfahren.

Und dass ich nun ahne, wieso ich nicht verstehe, wie ein Nervgeräusch in der Nachbarschaft von anderen ignoriert werden kann, obwohl es doch immer mehr nervt, je länger es dauert. Auch das ist typisch. Das mit dem Wegfiltern klappt schlecht.

Nun denn, da habe ich wieder was über mich gelernt.

Dune

Die letzte Wochen, genauer die letzte Tage, hatten mal wieder ein paar nervige Dinge mit im Gepäck. Ihr wisst schon, solche „oh, hatte ich nicht schon gesagt, dass wir den Zahn ziehen müssen?“ und auch „Uih, das sollte man abklären“-Dinge. Blöde Dinge, nervige Dinge – wenn ich bei irgendetwas ein dünnes Nervenkostüm habe, dann ist das alles rund um das Thema Arzt und Krankheit.

Und wie es so ist, wenn man gestresst ist, kommen auch immer noch gleich ein paar weitere nervige Sachen in Job und sonstwo oben drauf. Aber ich beschäftige mich ja zum Glück lange genug mit Psychologie, damit ich relativ schnell wieder auf die Spur komme. Ein lieber Mann und die allertollsten Freundinnen der Welt sind dabei eine ungeheure Stütze.

Wie auch immer, heute hatten der beste Ehemann und ich Lust, mal außerhalb unserer üblichen odenwaldhügeligen Gefilde zu wandern. Stattdessen steuerten wir eine Landschaft mit Dünen und Kiefernwäldern an, bei der man oft das Gefühl hat, man befindet sich irgendwo an der Ostsee oder gar am Mittelmeer. Aber in Wirklichkeit ist man nur irgendwo zwischen Viernheim und Mannheim.

Dünen wie die hier findet man im Oberrheingraben an einigen Stellen. In Viernheim kann man die Dünen auch deswegen besonders gut sehen, weil das US-Militär hier bis 1994 einen Truppenübungsplatz hatte. Dadurch entstanden freie Flächen, wo der Sand wieder zum Vorschein trat und die eine besondere Vegetation anzogen. Damit diese Flächen nicht weiter verbuschen, werden sie auch beweidet; wir sind heute einer Herde Schafe begegnet.

Entstanden sind die Dünengürtel am Ende der letzten Eiszeit aus Flugsand. Das Naturschutzgebiet Glockenbuckel, von dem ich rede, befindet sich am Westrand von Viernheim und kann gut über den Parkplatz Sandgabe oder Lampertheimer Straße erkundet werden. Es gibt zahlreiche markierte Wanderwege, vor allem rund um den Karlsstern bei Mannheim-Gartenstadt. Dort gibt es ein paar Tiergehege, Gastronomie (glaube ich), einen Vogelpark und Kinderspielplätze. Jetzt am Wochenende war dort dementsprechend viel los, und man hätte sich da auch niederlassen und Mannheimer Originale beobachten können, die da mit Kind und Kegel unterwegs waren.

Interessant in dem Gebiet sind auch Reste der alten Einrichtungen des US-Militärs. So gibt es neben vielen alten Betonresten auch Überreste alter Bunker. Dort sind wir heute nicht hingelaufen, sondern haben uns lieber Hirsche und Vögel am Karlsstern angeschaut. Die Gehege für die Hirsche sind sehr weitläufig, es gab einige Bambis zu sehen. Die Volieren im Vogelpark waren zwar auch eher groß, aber mir tut es dann doch leid, Vögel, besonders Greifvögel, hinter Gittern zu sehen. Ebenfalls interessant sind an der Grenze Hessen (Viernheim) zu Baden-Württemberg (Mannheim) historische Grenzsteine.

Wenn ihr da auch mal laufen wollt – es gibt unendlich viele markierte Wege, denen man folgen kann. Es empfiehlt sich aber manchmal eine Wander-App, wenn man wie wir die schmaleren Pfade bevorzugt. Da alles eben ist, sind Spaziergänge oder Wanderungen dort nicht anstrengend.



Hier beim Geopark und hier beim Regierungspräsidium könnt ihr euch Infoflyer zum Glockenbuckel herunterladen und mehr über das Biotop erfahren.

Dr. Denis Mukwege: „Die Stärke der Frauen“

Triggerwarnung: sexuelle und körperliche Gewalt

Das Buch war, das vorweg, keine leichte Kost. Dr. Denis Mukwege ist Arzt im Kongo und behandelt vorrangig Frauen, die durch Vergewaltigungen schwere Verletzungen erlitten hatten. Diese Arbeit hat ihn dazu motiviert, sich engagiert und international für die Rechte der Frauen (auch) im Bereich sexuelle Selbstbestimmung einzusetzen und Vergewaltigungen – ob im Kongo oder anderswo – anzuprangern und darauf zu pochen, dass die Täter mehr als bisher zur Rechenschaft gezogen werden.

Denn gerade da, wo ein Staat versagt, was die Verfolgung solcher Delikte angeht, und/oder kriegerische Auseinandersetzungen die gesellschaftliche Ordnung auflösen, nehmen Vergewaltigungen zu und werden brutaler. Das Buch schildert anschaulich, wie brutal, deswegen auch die Triggerwarnung, die man auch besser hätte auf das Buch drucken können.

Dr. Mukwege hat das Panzi-Krankenhaus in Bukavu am Kivu-See im Osten Kongos gegründet. Die Klinik wurde bald schon um weitere Hilfsmöglichkeiten erweitert wie beispielsweise eine Art Rehazentrum mit der Möglichkeit, sich schulisch und beruflich weiterzubilden. Denn zu dem Trauma der Vergewaltigung kommt bei vielen Frauen, dass sie danach von ihrer Familie und Dorfgemeinschaft verstoßen werden. Anerkennung für sein Wirken erhielt Mukwege zwar immer von den Frauen, denen er half, und durch viele internationale Preise und Auszeichnungen. Die politische Führung des Kongos und die diversen rivalisierenden Kriegsparteien versuchten dagegen mehrfach, ihn zum Schweigen zu bringen. Inzwischen* kann er nicht mehr in den Kongo einreisen.

Das Gebiet ist auch in den schon jahrzehntelang wütenden Konflikt zwischen Kongo und Ruanda beziehungsweise Tutsi und Hutu verwickelt. Ein Konflikt, der Millionen Tote und unendlich viele Opfer sexueller Gewalt gekostet hat und dennoch vom Westen ziemlich ignoriert wurde und wird. Mukwege beschreibt, wie manche Täter mit der Aussicht auf freie Gewaltausübung an Frauen in die Milizen gelockt werden. Viele sind ehemalige Kindersoldaten, die nach Gehirnwäsche und den verübten Grausamkeiten brutal abgestumpft sind. Dazu kommt der geringe Wert, der Frauen in der traditionellen Gesellschaft des Kongos zugestanden wird.

Aber Mukwege macht auch deutlich, dass solche Verbrechen nicht von einer bestimmten Ethnie herrühren oder einer besonderen Kultur. Er beschreibt die sexuellen Verbrechen im Zuge anderer militärischer Konflikte, ob nun die deutschen Nazis, die sich in Frankreich an den Frauen vergingen und KZ-Insassinnen vergewaltigten, die russische Armee, die wahrscheinlich Millionen Frauen vergewaltigte, oder die „Trostfrauen“, so der Euphemismus für Zwangsprostituierte unter japanischer Besatzung in China und Korea. Viele dieser Taten werden heute noch ignoriert oder geleugnet.

Sexuelle Gewalt an Frauen (und Kindern) wurde und wird auch gezielt eingesetzt, um die Zivilbevölkerung zu vertreiben oder zu zermürben.

Und natürlich erleiden Frauen auch außerhalb militärischer Konflikte sexuelle Gewalt. Mukwege zitiert Zahlen aus (friedlichen) westlichen Staaten, bei denen je nach Befragung zwischen knapp 4 und über 30 Prozent der Frauen Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen berichteten. Bei 1.000 solcher Taten werden durchschnittlich nur 5 Täter verurteilt. Viele werden nie angezeigt, aber auch viele Täter laufen gelassen.

Mukwege bettet das ein in einen allgemeinen Appell für Gleichberechtigung und einen stärkeren Einfluss von Frauen auf politische und gesellschaftliche Entscheidungen und ein kritisches Hinterfragen von Männlichkeitsidealen. Er erinnert an Fotos internationaler Gipfel wie dem G7-Gipfel, bei denen Angela Merkel die einzige Frau war (das Buch ist von 2021). Auch spricht er erste zaghafte Hinweise an, dass sich das Klima, in dem Vergewaltigungen stattfinden, langsam ändert; er erwähnt oft die #MeToo-Bewegung, die dafür sorgte, die Untaten aus dem Schatten der Scham herauszuholen.

Aber das Buch heißt ja nicht „Die Schwäche der Frauen“. Darum berichtet er mit sehr viel Achtung und Wertschätzung von Frauen, die sich gegen sexuelle Gewalt und für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzen. Das sind Frauen aus dem Kongo, die trotz zum Teil unglaublicher Verletzungen wieder einen Weg finden, sich weiterzubilden und anderen Frauen helfen. Kleinteilig, Dorfgemeinschaft für Dorfgemeinschaft, wird versucht, den alten Männern, die das Sagen haben, eine neue Einstellung zu den Gewaltopfern nahezubringen. Mukwege spricht aber auch von Frauen wie Eve Ensler, der Autorin der Vagina Monologe, die seine Arbeit sehr unterstützt hat, oder von Nadia Murad, einer Jesidin, die sich als Überlebende sexueller Gewalt dafür einsetzt, dass die Täter aus den Reihen des IS zur Rechenschaft gezogen werden. Mukwege hat 2018 mit ihr zusammen den Friedens-Nobelpreis erhalten. **

Am meisten Gänsehaut habe ich bekommen bei der Schilderung, wie ein brutal vergewaltigtes Mädchen aus der Panzi-Klinik bei einem Besuch eines gleichgültigen Generalstabsarztes ihre Erlebnisse schildert, bis der erwachsene Mann vor Schrecken in Ohnmacht fiel.

Übrigens zappte ich zufällig, während ich dieses Buch las, in eine kurze Doku über den Kongo und Ruanda und die Kriege und Scharmützel, die dort seit über 30 Jahren herrschen***.Ein Konflikt, von dem wir übrigens alle profitieren, denn gekämpft wird auch und nicht zuletzt um riesige Rohstoffvorkommen, die wir für unsere Smartphones, unsere E-Autos und unseren Schmuck verwenden.

Die massenhaften Vergewaltigungen während dieses Konfliktes wurden nicht erwähnt.

Es liegt noch ein weiter Weg vor Mukwege und seinen Mitstreitern.

Links:

*Interview von 2026 in der TAZ: https://taz.de/Friedensnobelpreistraeger-Denis-Mukwege/!6155635/

**Ausschnitt der Nobelpreisrede von Mukwege: https://www.youtube.com/watch?v=RSpYw7fT0CE

***Arte-Kurzdoku über den Kongo-Konflikt: https://www.arte.tv/de/videos/125533-025-A/mit-offenen-karten/

Mukwege auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Mukwege

Sommerleicht

Vor einer Woche war es noch eisheiligenkalt, gestern fühlte es sich an wie Frühling, als ich durch den Wald lief und Maiböcke beim Kämpfen beobachtete, und heute ist Sommer.

25 Grad und mehr im Schatten, die 30 sollen morgen geknackt werden. Und ich atme auf und durch und freue mich, dass alles leichter wird.

Leichter sind schon mal die Klamotten, die ich anhabe, kein riesiger Berg aus Fleecegedöns mehr vor dem Bett, wenn ich schlafen gehe. Leichter die Schuhe, endlich wieder Sandalen, Fußnägel mit geschmacklosem Glitzernagellack und Füße, die sich streifenweise bräunen und immer etwas dreckig sind. Sommerfüße nenne ich das.

Und mit weniger Kleidern und Sandalen ist auch das Wandern noch leichter. Warmer Wind weht mir durch die Haare, es duftet nach wilden Rosen, die sich gerade öffnen, und ich bleibe manchmal begeistert stehen, wenn ich mein liebstes bewegtes Bild in der Natur sehe: Wind, der durch hohes Gras streift. Keine Ahnung, woran es liegt, aber das finde ich wunderbar.

Leichter ist mir auch wieder ums Herz. Ich habe ein paar Arzttermine bewältigt, die mir Bauchschmerzen gemacht hatten, und bei einem auch wieder schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass meine Blutwerte in Ordnung sind, ach was, „langweilig“, wie der Hausarzt meinte. Da meine Eltern beide Diabetiker waren, habe ich vor allem auf den Blutzucker ein Auge. Aber da ist alles perfekt, ich bin er-leichtert.

Heute ist auch eines der großen Volksfeste hier im Tal, jeder Ort hat da sein eigenes, Feste zu Pfingsten, Johanni oder zur Kirchweih. Ich gönne es den Veranstaltern, dass sie mit dem musikalischen Abendprogramm bei dem Prachtwetter sicher erfolgreich sein werden. Und natürlich macht mir mein Arbeitsbesuch dort auch mehr Spaß, wenn es nicht kalt und regnerisch ist. Feiern, gutgelaunte Menschen – auch das ist Leichtigkeit.

Jetzt müsste ich nur noch schauen, dass ich auch körperlich ein bisschen leichter werde und den pfundigen Aufwärtstrend der Wechseljahre wieder umkehre.

Weinheimer Folklore

Weinheim ist eine nette kleine Stadt, ich habe dort mit dem besten Ehemann von allen 7–8 Jahre lang gelebt, und das gerne: da ist die pittoreske, mediterran wirkende Altstadt, ein ausreichendes Angebot an Läden, Kinos und Schwimmbädern, interessante Parks und der schöne Odenwald vor der Haustür. Und Feste, Brauchtum, schöne Traditionen.

Weinheim hat aber auch eine eher unschöne Tradition, und das ist der Rechtsextremismus. In Weinheim lebte eine wichtige Gestalt der NPD (wobei er sogar aus der, glaub ich, mal rausflog), der als Holocaustleugner jahrelang im Gefängnis saß und dessen Todesanzeige eine „Todesrune“ (Algiz gestürzt) schmückte. Weinheim war lange eine Hochburg der Rechtsextremen, wohl auch jenem braunen Herrn geschuldet.

Nun fährt die NPD zwar auch dort nur noch Nullkomma-Wahlergebnisse ein. Dennoch scheint die rechtsextreme Szene immer noch einen Bezug zu Weinheim zu haben, hielt dort weiter Parteitage ab oder meldet immer wieder Demonstrationen an. Schon letztes Jahr gab es eine Kundgebung eines traurigen Häufleins von vielleicht 20 NPD-Anhängern, dem eine große Menge Gegendemonstranten gegenüberstand.

Am 8. Mai dieses Jahres war es mal wieder soweit. Die NPDler wollten dieses Mal eine Gedenkveranstaltung am wirklich grässlich hässlichen Kriegerdenkmal Weinheims abhalten, das übrigens auch aus der Nazizeit stammt. (Hier empfehle ich das sehr interessante Buch „Mensch, denk mal“ von Werner Pieper) Irgendwer hatte die klobige Scheußlichkeit im Vorfeld mit roter Farbe beworfen. Dass rechte Gruppen gerne Tage wie den 8. Mai oder den 3. Oktober für ihre Aktionen aussuchen, kennt man ja nicht nur von der NPD.

Und da standen am Freitag die vielleicht 15 Männer (und eine alte Dame mit bunten Haaren?!) mit ihren Bannern mit Frakturschrift und Stahlhelm und ihren rußenden Fackeln. Falls sie was sagten, konnte man es nicht hören. Ich machte ein paar Bilder für den Privatgebrauch, zoomte ran an die genervt-gelangweilten Gesichter. Ein junger Mann schaute so deprimiert, dass er mir fast schon leidtat. Das muss man aber auch wollen, sich da hinstellen und sich anbrüllen lassen, dachte ich mir.

Weinheim bleibt bunt“ hatte zur Gegendemo aufgerufen. Viele grün-links-alternative Menschen kamen, erfreulich viele junge. Auch die Antifa war da, und ich gestehe ja, dass mir als mittlerweile alter Spießerin ein bisschen das Herz aufgeht, wenn ich irgendwo noch ein paar kleine Punker sehe. Das ist ein bisschen wie früher. Apropos früher: Mir fiel ein, dass ich dort mit 16, also vor äh, vielen Jahren, auch schon mal gegen die NPD mitdemonstriert hatte. Irgendwo in einem alten Tagebuch müsste noch der ausgeschnittene Artikel davon sein.

Und dann hörte ich die altbekannten Parolen und die Lieder, die dann so gespielt werden von den Gegendemonstranten, und natürlich fühlte es sich gut und richtig an, aber auch ein bisschen wie Folklore. Etwas lächerlich ist es ja, dass die paar Männeken sich als das letzte (oft übergewichtige und auch schon etwas ältere) Bataillon einer Zeit hinstellen, die wahrscheinlich nicht mal die wiederhaben wollen. Und dass die andren dagegen aufstehen müssen, sollen, wollen – immer noch. „Wie schon in den 1970ern“, meinte ein Mann neben mir.

Und ein bisschen hoffe ich angesichts der politischen Entwicklungen (mir der Vergeblichkeit bewusst), dass es doch dabei bleiben möge: ein paar Ewiggestrige mit ihren Frakturschriftbannern und Fackeln und Glatzen, und der bunte Haufen, der zeigt, dass die so was von jämmerlich in der Minderheit sind. Vielleicht müssen wir bald schon gegen ein deutsches ICE auf die Straße, und das wird dann weniger folkloristisch werden, fürchte ich.

Gelesen: Nathan Hill: Wellness

Der Roman handelt von Elisabeth und Jack, einem Paar, das anno 1993 einen hochromantischen Beziehungsstart hingelegt hatte. Sie wohnten, nur durch eine schmale Schneise getrennt, in zwei ärmlichen Studentenbuden und beobachteten sich heimlich gegenseitig. Daraus erwuchs Liebe und eine Beziehung zwischen der nervösen und begabten jungen Studentin und dem angehenden Fotokünstler.

Gut 20 Jahre später sind sie verheiratet und haben einen achtjährigen Sohn. Der Alltag zwischen kompliziertem Nachwuchs, Beruf und den 10.000 Zumutungen des (digitalen) Alltags haben sie ausgehöhlt, sich von sich selbst und dem anderen entfremdet. Wie fern und märchenhaft und fremd erscheint da die Studentenzeit, als sie nicht mehr brauchten als einander (und es Stunden dauern konnte, ein Bild im Internet herunterzuladen).

Später geht es den beiden ein bisschen wie in Erich Kästners sachlicher Romanze: ihnen kam ihre „Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“ Und weil beide komplexe, intelligente und überdurchschnittlich neurotische Personen sind, fällt es ihnen schwer, anders zu handeln als immer wieder in die gleichen Kerben zu schlagen, die sie schon in ihren dysfunktionalen Kindheiten erlernt hatten – bloß nichts falsch machen und innerer Rückzug (sie) oder Unterwerfung und Anbiederung (er).

Das Ganze ist trotz dieser potenziell deprimierenden Thematik und einiger etwas überlanger Exkurse in die Familiengeschichte Elisabeths und das Funktionieren von Facebook-Algorithmen (die Jacks Vater zu einem wahrhaften Schwurbler machen) über weite Strecken sehr unterhaltsam zu lesen. Denn die Geschichten kippen zum einen immer wieder ins Surreale, wenn zum Beispiel Jacks Durchbruch als Künstler einen völlig prosaischen Hintergrund hat, die Anzahl der Erwähnungen auf Facebook für Jacks Universitätstätigkeit bedrohlich wichtige Ausmaße annimmt oder Elisabeth in einer Firma arbeitet, die schwunghaften Handel mit diversen Placebos betreibt. Zum anderen packt Hill mit leichter Hand gewichtige Themen in die scheinbar so leicht dahinplätschernden Erzählungen: Wer bin ich wirklich, mein früheres Ich oder das heutige? Ist das, was ich so schätze im Leben, eigentlich echt oder nur ein Placebo? Warum bin ich, wie ich bin?

Zum Finale hin verdichten sich die äußeren, teils grotesken Geschehnisse rund um esoterische Freikirchen, unseriöse Immobiliengeschäfte und, natürlich, das Internet. Und gleichzeitig werden einige hintergründig schwelende Geheimnisse aus der Vergangenheit der beiden offenbart, die klarmachen, wieso die beiden so sind, wie sie sind.

Ich habe das Buch gerne gelesen.

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